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Lech Wałęsa: Held oder Verräter?

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Foto: MEDEF, Wikimedia CC BY-SA 2.0

Vom einfachen Arbeiter zum Präsidenten – vom Friedensnobelpreisträger zum Verräter. Schon wieder gibt es Vorwürfe gegen Lech Wałęsa. Er soll
mit dem kommunistischen Geheimdienst (SB) zusammengearbeitet haben. Was bedeutet das für Polen?

Die ersten Vorwürfe wurden 1992 laut. Seitdem sind sie trotz Gerichtsurteilen immer wieder umstritten. Zuletzt urteilte das Institut für Nationales Gedenken (IPN) im Jahr 2011, dass der SB in den 1980er Jahren Dokumente gefälscht habe, um Wałęsas Ansehen vor dem Nobelkomitee zu schaden.

2016: Stunde der Wahrheit

Trotzdem warfen auch danach immer wieder einzelne Personen Wałęsa eine angebliche Zusammenarbeit vor. Im Januar 2016 wollte Wałęsa endlich alle Zweifel ausräumen. Im März sollten sich alle Zweifler mit ihm in der Zentrale des Instituts zu einer Debatte treffen. Die Formulierung der Veranstaltung gefiel Wałęsa jedoch nicht. Er sagte ab und wollte gegen das Institut klagen.

General Kiszczaks geheime Dokumente

Kurz danach wandte sich Maria Kiszczak an das Institut. Ihr Ehemann, Czesław Kiszczak war im kommunistischen Polen General gewesen und hatte unter anderem für den Militärgeheimdienst gearbeitet. Er war 1989 auch einer der kommunistischen Führer am Runden Tisch und für kurze Zeit Premierminister. In ihrem Haus hatte er eine Reihe von Dokumenten aufbewahrt. Er war im November 2015 verstorben.

Laut dem IPN enthalten die Dokumente unter anderem Wałęsas Verpflichtungserklärung zur Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst sowie von ihm eigenhändig unterschriebene Quittungen für erhaltene Zahlungen.

Fälschung oder Wahrheit?

Das IPN hält die Dokumente für authentisch, während andere meinen, sie müssten noch ausführlich überprüft werden. Wałesa behauptet, die Dokumente enthielten keine Fakten. Jedoch weigert er sich auch, seine Version der Fakten offen darzulegen.

Die Aufdeckung der Dokumente spaltet die polnische Gesellschaft noch stärker. Kritiker und Verteidiger Wałęsas streiten sich öffentlich, Wałęsa gibt hin und wieder einen Kommentar ab.

Legende, Witzfigur oder Verräter?

Die Vorwürfe waren in den letzten Jahren eher unbedeutend geworden. Die meisten Polen schätzten seinen Einsatz für ein freies Polen hoch, aber nahmen ihn als Person nicht mehr ernst. Seine politische Wechselhaftigkeit und seine unbedachten Kommentare hatten dafür gesorgt.

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Wałęsa ist in der polnischen Wahrnehmung eine komplizierte Figur. 1989 war er Symbol der Solidarność und des polnischen Freiheitskampfs, doch seine Beliebtheit unter den Arbeitern schwand zunehmend mit seiner politischen Karriere.

Er sagte einmal von sich selbst „ich bin Revolutionär“ – als Politiker machte er keine gute Figur. Hinzu kam, dass er nach seiner Präsidentschaft auch im Ausland als Experte auftrat und gut bezahlte Reden hielt. Er gilt als abgehoben, gleichzeitig als lächerlich.

Symbol Polens diskreditiert

Lech Wałesa ist auf der Welt bekannt – gerade als Symbol der polnischen Revolution, sogar als Symbol Polens an sich. Viele Polen fürchten um das Ansehen ihres Landes. Die neue PiS-Regierung ist im Westen unbeliebt und jetzt soll auch noch das Symbol Polens diskreditiert werden.

Dass Wałęsa für die Kommunisten gearbeitet haben soll, trifft die Lesart der PiS, wonach die Transformation 1989 ein abgekartetes Spiel gewesen sein soll und die Kommunisten und ihre Sympathisanten Polen noch immer im Griff hätten.

Aber was spricht wirklich gegen Aufklärung? Etliche Fragen sind noch offen: war er wirklich Informant? Wenn ja, wann und wie lange? Hat er wichtige Informationen weitergegeben? Hat er Geld dafür bekommen oder Schutz oder etwas anderes?

Das Ende einer Diktatur ist immer schwierig. Revolutionen ohne Gewalt funktionieren kaum ohne Kompromiss mit den Machthabern. Die weitgehend friedliche Revolution in Polen ist vor allem auch Wałęsa zu verdanken. Er ist ein in Symbol. Ob er Informant war, spielt letzten Endes keine Rolle mehr. Denn der Fall des Kommunismus ist eine Errungenschaft des polnischen Volkes.

© Nikolas J. Schmidt

Dieser Artikel erschien zuerst auf explizit.net.

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Nikolas Schmidt

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