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Ein Unentschieden und seine Symbolkraft

Politisierung von Fußballspielen hat eine Tradition: man denke etwa an das Spiel zwischen Bundesrepublik und DDR während der Weltmeisterschaft im Juni 1974. Einen Monat zuvor war Bundeskanzler Willy Brandt zurückgetreten, weil er von einem DDR-Spion abgehört worden war. Auch die Begegnung Deutschland-Griechenland während der Europameister 2012 – auf der Höhe der sog. Griechenland-Krise – hatte eine politische Konnotation. Das Spiel zwischen Deutschland und Polen hat eine besondere Symbolkraft.

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Außenminister Steinmeier und Waszczykowski nach dem Spiel (Photo: Facebook-Seite von F.W. Steinmeier)

Denn in diesem Jahr jährt sich der deutsch-polnische Freundschaftsvertrag zum 25. Mal. Das Spiel fiel zufällig auf den Tag direkt vor den Jahrestag der Unterzeichnung. Eine Studie zu den gegenseitigen Wahrnehmungen der beiden Völker wurde deshalb auch in der gleichen Woche veröffentlicht und war damit besonders relevant – auch wenn über das Jahr verteilt eine große Anzahl deutsch-polnische Veranstaltungen stattfinden.

Deutsche Dominanz…

Die fußballerische Beziehung der beiden Länder ist – mit einem Augenzwinkern – ein gutes Abbild der politischen Beziehungen, auch wenn die Fußballer natürlich nichts für ihre politischen Gegenstücke können. Lange Zeit hatte Deutschland die Oberhand, kein Spiel endete mit einem Sieg für Polen. Sehr beliebt ist in Polen das berühmte Zitat des englischen Stürmers Gary Lineker: „Fußball ist so ein Spiel, bei dem 22 Männer einem Ball hinterherrennen und am Ende gewinnen sowieso die Deutschen.“ (Übs. d. Autors). Politisch ging Polen, vor allem in den letzten Jahren und gerade in seiner Außen- und Europapolitik, im Großen und Ganzen den deutschen Kurs mit.

…polnische Selbstironie

Die Wende im Fußball ist bei der EM-Qualifkation im Oktober 2014 zu verorten. Die deutsche Nationalmannschaft, der frisch gebackene Weltmeister und nicht nur deshalb Favorit, verlor das erste Mal gegen die polnische Nationalmannschaft. (Hier wurde die bewusst die umständliche Formulierung mit den Nationalmannschaften gewählt, da in geschichtsbewussten Polen häufig historische Begebenheiten erwähnt werden, in denen Vertreter der polnischen Nations gegen wie auch immer geartete Deutsche gewonnen haben, wie etwas die Schlacht bei Tannenberg/Grunwald). In Polen wurde das mit großer Freude und ironischer Genugtuung aufgenommen – hatte man sich doch einerseits immer darüber lustig gemacht, dass die vermeintlich perfekten Deutschen immer gewannen. Andererseits hatte sich mit dem selbstironischen Fatalismus, der in Polen typisch ist, auch nie große Chancen auf einen Sieg ausgerechnet.

Neues polnisches Selbstbewusstsein

Die politische Wende hat sich mit den Wahlen 2015 eingestellt. Dazu ist allerdings zu sagen, dass auch die Regierungskoalition aus Bürgerplattform (PO) und Polnischer Volkspartei (PSL) nicht immer jeden Aspekt der deutschen Außenpolitik klaglos mitgetragen hat, zu nennen wären da beispielsweise die Nord-Stream-Pipelines oder auch die Flüchtlingskrise, bei der die polnische PO-PSL-Regierung – wie auch viele andere europäische Staaten – den deutschen Kurs zumindest anfangs nicht akzeptieren wollte. Seit Oktober 2015 regiert in Polen die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Die politischen Differenzen zwischen ihr und der Regierung Merkel sind – so zumindest die meisten Kommentatoren in den deutschen Medien – der Hauptgrund dafür, dass sich deutsch-polnischen Beziehungen in den letzten Monaten verschlechtert haben bzw. diese so wahrgenommen werden.

Gespaltene Voraussagen und Kurioses

Unter diesen Vorzeichen fand also das Spiel Deutschland gegen Polen statt. Es ging außerdem um den ersten Platz in der Vorrundengruppe. Wie wohl noch vor keiner anderen Begegnung der beiden Mannschaften waren die Meinungen auf beiden Seiten sehr gespalten.

Die traditionsreiche und angesehene Zeitung „Rzeczpospolita“ (Republik) fragt: Wer wird das heutige Spiel gewinnen? 49% glauben an Polen, 18% stimmen für einen Sieg Deutschlands, 27% prognostizieren ein Unentschieden und 6% schauen das Spiel nicht.

In der Vergangenheit hatten die Polen zwar immer ihre Mannschaft angefeuert, aber gleichzeitig auch über den fehlenden Teamgeist geklagt und nie ernsthaft viele Siege prognostiziert. Für diese EM jedoch schätzte man die polnischen Chancen durchaus höher ein. Die verschiedenen Voraussagen in den beiden Ländern gingen sogar soweit, dass in den sozialen Medien zwei Hashtags benutzt wurde: der offizielle #GERPOL (denn so war die Paarung offiziell angegeben: Deutschland vs. Polen) und #POLGER, der besonders im polnischen Internet kursierte. Und rein zufällig lief gleichzeitig mit dem Spiel im zweiten polnischen Fernsehen ein Film über die Kreuzritter, der den o.g. polnischen Sieg über den Deutschen Orden darstellt.

Interessanterweise – oder eher, wie könnte es anders sein – gibt es zum Spiel an sich auch zwei Interpretationen: eine deutsche und eine polnische. Während viele Deutsche das Spiel als eher langweilig ansehen, spricht man in Polen davon, dass man gut verteidigt habe und dass Unentschieden insgesamt als Erfolg anzusehen sei.

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Steffen Möller; Kabarettist und Schauspieler in Deutschland und Polen sowie selbsternannter zweitbekanntester Deutscher in Polen nach Papst Benedikt XVI

Twitter-User „Exen“; Polen-Kommentator; Identität unbekannt; ist in der polnischen Twitter-Sphäre ebenso einflussreich wie kontrovers; hat immer ein kritisches Wort zur polnischen Regierung übrig.

Unentschieden im Fußball = politische Partnerschaft auf Augenhöhe

Aus diesen beiden Ansichten lässt sich mit etwas gutem Willen auch ein Fazit zu den deutsch-polnischen Beziehungen zusammenzimmern: Viel Hype, Panikmache und die Überinterpretation kleiner Veränderungen – und eigentlich gibt es gar keinen Grund, sich aufzuregen. Die deutsch-polnischen Beziehungen haben sich über die vergangenen 25 Jahre kontinuierlich verbessert. Im Fußball wie in der Politik gewinnt Polen derzeit an Selbstbewusstsein – und das ist auch gut so. Eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe kann beiden Ländern nur gut tun. Insofern ist das Unentschieden vielleicht gar kein schlechtes Ergebnis. Aber auch wenn Fußball vielleicht nicht immer politisiert werden muss, lässt sich für eine deutsch-polnische Partnerschaft sagen: es braucht es aber vor allem kontinuierlichen Dialog, intensiven Austausch, gegenseitigen Respekt und ehrlichen Umgang. Und: ein besseres Verständnis des Partners.

(c) Nikolas J. Schmidt

Nikolas Schmidt

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